Götter und Geister
2019, 4:10 min

 

 

 

 


Das Video “Götter und Geister“ ist eine Found Footage-Montage aus “Unboxing“-Filmen, die sich seit den letzten Jahren grosser Beliebtheit im Internet erfreuen. In den von Amateuren gedrehten Videos kann man Selbstdarsteller sehen, wie sie ein Produkt auspacken. Die auf Onlineplattformen anzutreffenden Videos sind qualitativ relativ einfach, womit sich die zahlreichen Fans nicht erklären lassen.
Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer gelangen mit der Montagetechnik des gefundenen Materials zu einer Erklärung: Sie fokussieren auf die Hände der Unboxer, welche die Verpackungen betasten, streicheln, drücken oder an einzelnen Stellen immer wieder abklopfen. Hantiert wird auch mit Messern, um zu schlitzen bzw. Hüllen vorsichtig aufzustechen.  Das Künstlerduo macht so deutlich, dass das Auspacken mit Gefühlen aufgeladen und mit Verführung verbunden wird.  Ware wird von den Unboxern wie in einem Ritual beschworen. Dabei erhält die Ware, die meist verborgen bleibt, einem Kultobjekt gleich Seelenpräsenz; sie wird wie ein Lebewesen behandelt – ähnlich dem animistischen Denken von Kindern oder Urvölkern, die einem Gegenstand oder toter Materie Lebensfähigkeit zusprechen. Die Unboxer bauen eine persönliche Beziehung zum Produkt auf. Es ist eine Beziehung, die verschiedener Art ist – liebend, begehrend, erotisch, verehrend und muss als eine authentische aufgefasst werden. Unboxer sollen dazu tendieren, viel zu kaufen bzw. zuerst etwas besitzen zu wollen. Mit Hilfe von pseudo magischen Handlungen und „höheren Wesen“, siehe Werktitel, versuchen sie letztendlich, eine über ihren Alltag hinausgreifende Wichtigkeit zu erlangen.
Ein Verhältnis zu Produkten wird vor allem auch in Schaufenstern inszeniert. Die Gründungsgeschichte von GLOBUS beginnt 1892 in Zürich als erstes grosse Warenhaus der Schweiz. Die Attraktion waren damals elektrisch beleuchtete Schaufenster!
Sylvie Boisseau & Frank Westermeyer übertragen den Inszenierungsstil der Unboxer auf ihren Entwurf für das videocity.bs-Schaufenster im GLOBUS Basel im Sommer 2019. Neben ihrem Video sind verschieden hohe Sockel positioniert. Spots beleuchten hier eine Leere, wo in den Schaufenstern daneben neueste Verkaufsobjekte stehen.  Die Künstler zitieren das Paradoxon des rituellen Auspackens: Das Produkt ist – noch? – unsichtbar, sein „Spirit“ scheint schon da zu sein. Doch begehrende Blicke können sich daran nicht festhalten, so dass die Geist-Produkt-Beziehung wohl nur in der digitalen Welt funktioniert. Text: Andrea Domesle